Das Coronagebet

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Abb. 1: Gebete an die heilige Corona (Foto: Museum Europäischer Kulturen, Berlin)

Dieser Tage gelangte eine Heilige, die nahezu in Vergessenheit geraten war, aufgrund der COVID-19-Pandemie wieder zu Ruhm und Ehren: die heilige Corona. In den letzten Wochen wurden ihr bereits einige Feuilletons gewidmet – so auch in der Tageszeitung „Der Standard“, die ihr den Ehrenplatz in der Kolumne „Kopf des Tages“ zuwies. Das geschah vor allem deshalb, weil der heiligen Corona – neben dem Patronat über die Fleischhauer (das ihr tatsächlich erst zu späteren Zeiten aufgrund der Verballhornung des lateinisches Wortes für Fleisch, cora, entstanden ist)[1] und ihrem positiven Einfluss für Standhaftigkeit im Glauben – die Wirksamkeit gegen Seuchen zugesprochen wird, wie uns auch das „Ökumenische Heiligenlexikon“ informiert. Doch die heilige Corona verfügt noch über weitere Eigenschaften, die in der zwar gleichlautenden, so doch namentlich nicht ihr gewidmeten Krise durchaus nützlich sein könnten: Sie ist die Patronin der Schatzgräber sowie die Schutzheilige für Geldangelegenheiten und der Lotterie. Und für eben diese Eigenschaft war sie vor allem in Österreich geschätzt.Weiterlesen »

Das weiße Gold

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Distributeur-Klosettpapier aus dem Wiener Hofmobiliendepot (Foto: Wikimedia CC 4.0, Geolina163/WikiDaheim)

Heute schreibe ich an dieser Stelle über ein Artefakt des Alltags, das ich in jedem von mir besuchten Museum angetroffen habe und von dem kaum jemand behaupten möchte, dass es in den letzten Wochen in aller Munde gewesen sei: Klopapier. In diesem Zeitraum wurde bereits einiges über Klopapier geschrieben, Erheiterndes, Erstaunliches, Gewöhnliches, auch Historisches. Doch ich möchte die dem Kramurium eigene Sichtweise auf das weiße Gold dieser Tage werfen, um mich einer Antwort anzunähern, warum ein Großteil der Wiener in Zeiten einer pandemischen Krise – an deren Symptom des Durchfalls laut WHO nur „sehr wenige“ der Infizierten leiden[i] –, ausgerechnet Klopapier über die Maßen einkauft. Wie konnte es dazu kommen, dass sich Klopapier derartig im Wiener kollektiven Gedächtnis manifestiert hat?

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Ein Eingericht himmlischer Tugend

„In der schändlichen Menagerie unserer Laster

Ist eines noch hässlicher, noch bösartiger, noch schmutziger!

Die Langeweile ist’s!“

Charles Baudelaire warnte schon 1857 vor dieser Blume des Bösen. Im Gegensatz zu diesem Laster, das seitdem noch viele nachfolgende europäische Generationen jeweils für sich als prägend beanspruchten, ist die Langmut, heute geläufiger als Geduld, zu sehen, die – nach antikem Vorbild – im Mittelalter in den Kanon der himmlischen Tugenden aufgenommen worden ist. So ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass Bergmänner, die aufgrund ihrer gefährlichen Arbeit als tief religiös galten, sich im 18. und 19. Jahrhundert – zu einer Zeit, als noch keine ideologischen Alternativen verfügbar waren – sich nach ihrer Arbeit einem Zeitvertreib widmeten, dessen Endprodukt nach dieser himmlischen Tugend benannt ist: die Geduldsflasche.Weiterlesen »

Die Königin Europa in Retz

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Die „Königin Europa“ von Johannes Putsch aus dem Museum Retz (Foto: Doris Pitour)

Sollten Sie heute darum gebeten werden, eine Landkarte von Europa in Form einer Allegorie anzufertigen, wie würden Sie diese anlegen? Als Mensch, als Tier oder gar als Gegenstand? Wie würden Sie vorherrschende Konflikte und Abspaltungstendenzen darin abbilden? Oder würden Sie eher eine visionäre Sicht, eine Utopie bevorzugen – vielleicht sich gar der Herausforderung stellen, Realität und Vision mit einem Bild zu illustrieren?Weiterlesen »

Magische Schluckbildchen

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Eine Auswahl an Schluckbildchen aus dem Museum Krems (Foto: Celine Wawruschka)

Mit der Streichung des Wahlfaches Homöopathie aus dem Vorlesungsverzeichnis der Medizinischen Universität Wien im Wintersemester 2018/2019 entflammte nicht zum ersten Mal eine öffentliche Diskussion um die Wirksamkeit von Globuli, jenen Zuckerkügelchen, in denen sich ein bis zur Nicht-mehr-Nachweisbarkeit verdünnter Wirkstoff befinden soll. Nicht nur von ihren Befürwortern wurden die sozialen Aspekte homöopathischer Behandlungen ins Rennen gebracht – immerhin leitet sich der Begriff Placebo aus der Bibel ab (Psalm 114,9 Vul.): Der Vers placebo Domino in regione vivorum („dem Herrn werde ich gefallen im Lande der Lebenden“) leitete das Totenoffizium im römischen Ritus des Frühmittelalters ein.Weiterlesen »

Die gegerbte Brust

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Die gegerbte Brust der Anna Rieckh (Foto: Lukas Kerbler, Stadtmuseum Retz)

Im 18. und 19. Jahrhundert waren schwere Verletzungen sowie einsetzender Wundbrand die häufigste Ursache für Amputationen. Nicht selten liest man in den chirurgischen Handbüchern jener Zeit die Anweisung, die Amputation möglichst sauber durchzuführen, um den amputierten Körperteil anschließend für die den chirurgischen Anstalten oft angeschlossenen Sammlungen präparieren zu können. Auch die in den „Medicinischen Jahrbüchern des österreichischen Kaiserstaates“ beschriebenen Fallstudien bestätigen diese Praxis. Allein der Lektüre zufolge müssen sich große Mengen amputierter Gliedmaßen im „Museo des k. k. allgemeinen Krankenhauses“ befunden haben. Organe und Weichteile wurden als Feucht- oder Trockenpräparate konserviert, wobei bei letzteren die Gerbung durchaus üblich war. Ein Stück mit großem Seltenheitswert wurde offensichtlich nicht in diese Sammlungen aufgenommen, sondern der Patientin mitgegeben: die „gegärbte weibliche Brust, von Anna Rieckh aus Altstadt Retz No. 118 Operirt Professor Kern Brustkrebs 1813, in Wien“, die sich heute im Stadtmuseum Retz befindet.Weiterlesen »

Eine Reliquie vermeintlicher Wutsucht

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Der Gipsabdruck der Hirnschale Ferdinand Raimunds mit phrenologischen Beschriftungen (Foto: Rollettmuseum Baden)

Am Welt-Tollwuttag, dem 28. September des Jahres 2008, wurde Österreich zum tollwutfreien Gebiet erklärt. Über Jahrtausende hinweg führte diese von Wild- und Haustieren auf den Menschen übertragene Virus-Infektion, die auch als Wutsucht, Hundswut, Wasserscheu oder Rabies bezeichnet wurde, fast unweigerlich zum Tod. In Österreich machte sich der Militärarzt Matthäus Mederer (1739–1805), der sich unter anderem intensiv mit der Bekämpfung von Tollwut beschäftigt hatte, im wahrsten Sinn des Wortes einen Namen, als ihn Kaiser Joseph II. 1789 mit dem Prädikat Edler von Wuthwehr versehen in den erblichen Adelsstand erhob. Sein Sohn, General Conrad von Mederer Edler von Wuthwehr (1781–1840), war der bekannteste Träger dieses Titels. So verdienstvoll die Bemühungen von Matthäus Mederer Edler von Wutwehr auch waren, konnten sie jedoch einen zeitgenössischen prominenten Wiener Bürger nach einem Hundebiss nicht von einem Suizidversuch abhalten.Weiterlesen »

Das blutige Fenster

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Das blutige Fenster ( Abb. C. Wawruschka)

Die Zweite Wiener Türkenbelagerung gehört heute nicht mehr zu den als prägend empfundenen Ereignissen der österreichischen Geschichte, wie der Wiener Historiker Peter Rauscher im Jahr 2010 in seinem wissenschaftlichen Aufsatz „Die Erinnerung an den Erbfeind. Die ‚Zweite Türkenbelagerung‘ Wiens 1683 im öffentlichen Bewusstsein Österreichs im 19. und 20. Jahrhundert“ festgestellt hat. Diese Vernebelung der Erinnerung war offenbar schon in Baden bei Wien in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Gange: Der Lyriker und Lokalhistoriker Hermann Rollett (1819–1902), ein Sohn des Sammlungsgründers Anton Rollett (1778–1842) und von 1876 bis zu seinem Lebensende Stadtarchivar und Leiter des Rollettmuseums in Baden, monierte in seinen lokalhistorischen und populärwissenschaftlichen Veröffentlichung regelmäßig eben dieses Vergessen. Das erklärt, warum die Belagerung von 1683 ein besonderes Anliegen seiner lyrischen und museumspädagogischen Vermittlung in Bezug auf die Stadtgeschichte Badens darstellten.

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Auch ein Kunstsammler verliert ein Korn

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Weizenkorn mit Widmung von J. Sofer (Foto: C. Wawruschka)

Es mag die kleinste Widmung im Rollettmuseum in Baden sein. Aber sie verbirgt eine große Geschichte. Im Spendenverzeichnis des Museums findet sich ein Eintrag vom 26. Oktober 1884, nach dem „vom Bürgermeister Christallnigg ein Weizenkorn, mit von J. Sofer aus Rumänien in Kleinschriftkunst darauf ausgeführter, 32 Worte enthaltender Widmung“ übergeben wurde. Und tatsächlich befindet sich dieses kleine Weizenkorn noch heute im Museum, auch wenn es nicht ausgestellt ist. Die Widmung lautet „Sr. Wohlge. Herrn Eduard Perger Inhaber der Firma Perger & Co und Realitätenbesitzer in Baden Dem wahrhaft humanen Manne dem Kunstgönner und Wohlthäter widmet dies Kunstproduct ergeb. J. Sofer aus Bucaresz Rumänien Baden 1884“.

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