Die Königin Europa in Retz

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Die „Königin Europa“ von Johannes Putsch aus dem Museum Retz (Foto: Doris Pitour)

Sollten Sie heute darum gebeten werden, eine Landkarte von Europa in Form einer Allegorie anzufertigen, wie würden Sie diese anlegen? Als Mensch, als Tier oder gar als Gegenstand? Wie würden Sie vorherrschende Konflikte und Abspaltungstendenzen darin abbilden? Oder würden Sie eher eine visionäre Sicht, eine Utopie bevorzugen – vielleicht sich gar der Herausforderung stellen, Realität und Vision mit einem Bild zu illustrieren?

Der Tiroler Johannes Putsch (1516–1542), seinen Zeitgenossen auch als Iohannes Bucius Aenicola bekannt, hatte hier sehr klare Vorstellungen, als er im ersten Drittel des 16. Jahrhunderts eine Karte anfertigte, die den europäischen Kontinent in Gestalt einer Königin zeigt. In der Antike wurde Europa auf Fresken und in Vasenmalerei noch als Frau dargestellt, und zwar im Zusammenhang mit dem Mythos von Zeus, der in Gestalt eines Stiers die phönizische Prinzessin Europa über das Mittelmeer entführte. Im Mittelalter wurde der Kontinent – falls überhaupt anthropomorph und nicht abstrakt mit der heiligen Stadt Jerusalem in der Mitte – männlich dargestellt, etwa durch die drei Söhne Noahs oder auch die Heiligen Drei Könige. Erst Johannes Putsch ließ den Kontinent in den 1530er-Jahren erstmals selbstständig als Königin auftreten – und auch sprechen.

Allgemein gilt seine Karte als Vorbild aller folgenden frühneuzeitlichen kartographischen Erdteilallegorien, die im gesamten Heiligen Römischen Reich und auch darüber hinaus verbreitet waren. Europakarten erschienen als Abbildungen im Rahmen von Universalgeschichten und enzyklopädischen Werken, aber auch einzeln als Blätter gedruckt. Im Depot des Stadtmuseums von Retz fand die Autorin dieses Beitrags bei Sichtungsarbeiten ein Exemplar der allerersten Königin Europa von Johannes Putsch.

Die Väter der Retzer Europa

Zu verdanken haben die Retzer diesen Schatz ursprünglich P. Ignaz Lamatsch (1797–1863), Bibliothekar und Archivar des örtlichen Dominikanerklosters, der die Karte 1838 zusammen mit anderen Gegenständen dem kurz zuvor gegründeten Museum Retz, einem der ältesten Stadtmuseen Niederösterreichs und Europas, gespendet hatte.

Für die Anfertigung zeichnet sich am unteren rechten Bildrand Jobst Dennecker (gest. v. 1548) in Ausgsburg verantwortlich, der als einer der Erfinder des altdeutschen Farbholzschnittes gilt und auch die Illustrationen zu Kaiser Maximilians I. (1459–1519) historisch-autobiographischen Werken verfasst hatte.

Entworfen hat die Karte Johannes Putsch, dessen Familie aus dem heute bayrischen Donauwörth in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts nach Tirol eingewandert war. Bereits seine Vorfahren standen dem Hof nahe: Sein Urgroßvater, Bischof Ulrich Putsch von Brixen (1427–1437) war Kanzler des Herzogs Friedrich IV. mit der leeren Tasche (1382–1439). Sein Vater Wilhelm Putsch (ca. 1480–1542) stand als Sekretär im Dienste Maximilians I. (1459–1519) und ordnete als Staatsarchivar die Schatzarchive in Innsbruck und Wien. So ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass Johannes Putsch schon in jungen Jahren in die Dienste Ferdinands I. (1503–1564) trat, der zunächst im Schatten seines Bruders Karl V. (1500–1558) stand, der 1520 zum Kaiser des Heiligen Römischen Reiches gekrönt wurde. Ferdinand stieg ab 1526/27 zum König von Böhmen, Kroatien und Ungarn auf und wurde 1531 – noch zu Lebzeiten seines Bruders Karl V. – zum römisch-deutschen König gewählt. So wird er auch in den drei Widmungen auf der Karte adressiert, während die Königin Europa selbst eben diese geopolitischen Tatsachen reflektiert: Ihr gekröntes Haupt liegt in Spanien, ihr Herz jedoch schlägt in Böhmen, dessen König Ferdinand war. Der Reichsapfel wurde durch die Insel Sizilien verkörpert, die der Großvater Ferdinands ab 1479 als König regiert hatte.

Die Besonderheiten der royalen Retzerin

Die Retzer Karte weist zwei Besonderheiten auf: Mit dem Herstellungsdatum von 1534 handelt es sich einerseits um die älteste bekannte Karte dieser Form. Eine weitere Karte von Putsch befindet sich im Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum, allerdings ist diese etwas jünger (1537) und im Gegensatz zum Retzer Exemplar nicht koloriert.

Die zweite Besonderheit stellt ein Gedicht in humanistischer Tradition dar, das sich unter dem Kartenrand befindet und das Kaiser Karl V. sowie Ferdinand I. gewidmet ist. Bislang war dieses Gedicht, die Lamentatio Europae, zusammen mit einem weiteren, Transylvania, nur in der im Jahr 1544 posthum in Basel erschienenen Anthologie Poematia aliquot insignia poetarum recentiorum überliefert. In dieser Klage zählt die „Königin Europa“ vergangene und gegenwärtige Kriege auf und wendet sich hilfesuchend an die beiden Herrscher des Habsburgerreiches.

Die Lamentatio korrespondiert mit der Karte: So erscheint in Vers 21 Spanien als Europas Haupt, in Vers 22 Italien als ihre Rechte, die sich aufgrund der unaufhörlichen Kämpfe geschwächt senkt. Die „Klage Europas“ unterstreicht auch einen Aspekt der Königin Europa, der wahrscheinlich schwieriger zu erfassen ist, wenn man nur die Karte allein betrachtet: Denn Europa tritt durchaus als Hüterin christlich-abendländischer Zucht und Sitte auf, als bedrängte Frau, die in ungestümer und bedrohlicher Weise von Freiern umworben und auch zum Kauf angeboten wird.

Zeitgenössische Rezeption

Sowohl Gedicht als auch Karte wurden von Putsch‘ Zeitgenossen rezipiert, wie wissenschaftliche Publikationen der letzten Jahre ausführlich schildern. So beschrieb etwa der Schweizer Humanist, Arzt und Naturwissenschaftler Konrad Gesner (1516–1565) in seiner Bibliotheca universalis (1545), dass Putsch eine eindrucksvolle Karte von Europa in Form einer Jungfrau angefertigt hätte, die in zwei Blättern in einem derart großen Format publiziert worden sei, dass man sie an die Wand hängen könnte. In dem Vorwort zu seinem Buch De Leone Belgico (1588) bezog sich der adelige österreichische Gelehrte Michael von Eitzing (1530–1598) ebenfalls auf diese Karte, indem er seine Hoffnung ausdrückte, dass die seinem Buch beigelegte Karte des Königreichs Belgien in Form eines Löwen ebenso große Popularität erfahren würde.

Doch nicht nur die Putsch-Karte scheint großen Ruhm genossen zu haben. Auch das Klagegedicht Europas fand Nachahmer, wie etwa den französischen Humanisten und Rabelais-Freund Hubert Sussanné (gest. 1551), der 1538 mit einem Gegenentwurf reagierte, einer Europae Lamentatio an Franz I., die aus Putschs Klageschrift einige Verse entlehnte, sie aber pro-französisch variierte. Auch der französische König Heinrich II. kam in den Genuss einer Oratio (1559) des Humanisten Louis Le Roy, in der der Zustand Europas beklagt wird – um nur einige zu nennen.

Wird also heute über Europa lamentiert, so könnte man dies als Ausdruck ureuropäischer Identität und Tradition auslegen, wie die Königin aus dem Stadtmuseum Retz nahelegt.

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