Magische Schluckbildchen

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Eine Auswahl an Schluckbildchen aus dem Museum Krems (Foto: Celine Wawruschka)

Mit der Streichung des Wahlfaches Homöopathie aus dem Vorlesungsverzeichnis der Medizinischen Universität Wien im Wintersemester 2018/2019 entflammte nicht zum ersten Mal eine öffentliche Diskussion um die Wirksamkeit von Globuli, jenen Zuckerkügelchen, in denen sich ein bis zur Nicht-mehr-Nachweisbarkeit verdünnter Wirkstoff befinden soll. Nicht nur von ihren Befürwortern wurden die sozialen Aspekte homöopathischer Behandlungen ins Rennen gebracht – immerhin leitet sich der Begriff Placebo aus der Bibel ab (Psalm 114,9 Vul.): Der Vers placebo Domino in regione vivorum („dem Herrn werde ich gefallen im Lande der Lebenden“) leitete das Totenoffizium im römischen Ritus des Frühmittelalters ein.

Im Laufe des Spätmittelalters entwickelte sich „Placebo“ überhaupt zu einem Synonym für die Totenklage. Da wohlhabende Familien Fremde für die mehrmals jährlich stattfindende Totenandacht bezahlten, um an ihrer Stelle „das Placebo zu singen“, erhielt der Begriff schließlich die Assoziation des Ersatzes, und im Weiteren des Unechten, Falschen und Parasitären. 1785 erscheint Placebo in George Motherbys „New Medical Dictionary“ als „a commonplace method or medicine“ erstmals in medizinischem Zusammenhang, bis er zu Beginn des 19. Jahrhunderts die heute verbreitete Bedeutung erhielt.

Massenwarenrestposten der Wallfahrtsmärkte

Ein Fund im Kremser Stadtmuseum schließt nicht nur an die theologische Herkunft des Placebo-Begriffes an, er kann wirkungstechnisch als Vorgänger der Globuli eingestuft werden: Es handelt sich um sogenannte Schluckbildchen. Die kaum briefmarkengroßen Schluck- oder Essbildchen, die an vielen Wallfahrtsorten gleich bogenweise erworben werden konnten, beruhen auf dem Prinzip der Kontaktmagie. Die mit dem Abbild der Heiligenfigur bedruckten Bögen wurden „am Original angerührt“, sodass die heilige Kraft, die den Gnadenbildern eines Wallfahrtsortes innewohnte – etwa die Marienstatue in Mariazell – auf sie übertragen wurde; auch sollten sie von einem Geistlichen geweiht sein. Schluckbildchen wurden gewöhnlich in kleinen Etuis aufbewahrt und mit sich getragen, sozusagen als Hausapotheke. In Gefahr und bei Krankheit wurden sie in Brot verbacken und gegessen oder mit etwas Wasser geschluckt – selbst dem Vieh wurde diese Behandlung nicht vorenthalten. Gedruckte Schluckbildchen sind bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts meist im Kupferstich-Verfahren hergestellt worden, mitunter wurde auch die Holzschnitt-Technik verwendet, etwa in Mariazell. Ikonografisch stand das Sujet auf den Schluckbildchen im Vordergrund. Vorlagen bekannter Kupferstecher wurden von lokalen Stechern oder Dilettanten im ursprünglichen Sinn des Wortes abgekupfert.

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Schluckbildchen aus dem Museum Krems mit der Darstellung einer Gnadenstatue der Muttergottes, original und abgekupfert (Foto: Celine Wawruschka)

Ein derartig abgekupfertes Schluckbildchen befindet sich auch unter den Kremser Exemplaren: Ein Teil eines noch nicht durchschnittenen Bogens mit Schluckbildchen verschiedener Größe, die eine Gnadenstatue der heiligen Maria mit dem Jesuskind darstellen, ist von dem Schriftzug Jesus et Maria do cor cum anima mea („Jesus und Maria, euch gebe ich mein Herz mit meinem Geist“) umgeben – eine Zeile aus dem Anfang eines Gebets, das in einem Werk zur Unterweisung der perfekten christlichen Praxis aus dem Jahr 1739 ausgelistet wird. Ein weiteres Schluckbildchen imitiert in schlichterer Darstellung das Gnadenbild und auch die Umschrift. Doch weder Unleserlichkeit noch Unverständlichkeit der bisweilen in schlechtem Latein oder lediglich in Schriftnachahmung verfassten Aufdrucke schwächten die Wunderwirkung oder den Wert dieser magischen Medizin.

Der Volkskundler Rudolf Kriss (1903-1973) berichtete noch im Jahr 1928 aus Mariazell:

„Am Kirchenplatz stehen an die 60 Krambuden, welche allerlei Devotionalien zu verkaufen haben. Ich erwähne nur kurz die sogenannten Schuckbildl, welche auf einem Blatt Papier in drei Reihen zu je 7 Stück aufgedruckt sind und in Krankheitsfällen einzeln abgeschnitten, in Wasser aufgelöst und verspeist werden …“

Das ist keine Pfeife

Die Verehrung von Bildern ist spätestens seit dem zweiten Konzil von Nicäa (787), in dem festgelegt wurde, dass heilige Bilder verehrt, jedoch nicht angebetet werden dürften, ein Thema in der römisch-katholischen Kirche. Auch in den „Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls 160“ von 2001, einem Direktorium über die Volksfrömmigkeit und die Liturgie, wird in Kapitel VI zur Verehrung der Heiligen und Seligen festgehalten, dass die Verehrung von Bildern nicht nur in der Liturgie, sondern auch in der Volksfrömmigkeit eine bedeutende Rolle einnimmt. Unter Berufung auf das bereits erwähnte zweite Konzil von Nicäa und vor allem auf das Konzil von Trient (1563) wird klargestellt, dass „den Bildern die schuldige Ehre und Verehrung“ erwiesen werden muss, „nicht weil man glaubte, in ihnen sei irgendeine Gottheit oder Kraft, deretwegen  sie zu verehren seien, oder weil man von ihnen irgendetwas erbitten könnte, oder weil man Vertrauen in Bilder setzen könnte, wie es einst von Heiden getan wurde, die ihre Hoffnung auf Götzenbilder setzten, sondern weil die Ehre, die ihnen erwiesen wird, sich auf die Urbilder bezieht.“

Universalschutz

Die Verwendung von Schluckbildchen ist jedoch nicht nur auf den Verzehr beschränkt. Im 18. Jahrhundert wurden sie in Wettersegen – monstranz- oder scheibenförmigen Behältern, die geweihte Gegenstände enthielten – eingebracht oder in Schutzbriefe mit Amulettcharakter – auch Breverln genannt – eingeklebt. Beide sollten vor Unwetter, Feuer, Unfällen, Infektionskrankheiten, Gespenstern und Hexen und anderen teuflischen Einflüssen schützen. Auch die Kremser Schluckbildchen stammen aus einem derartigen Zusammenhang: Sie wurden bei der Erneuerung des Turmdaches der Minoritenkirche in Stein im Jahr 1974 in einer kupfernen Kapsel gefunden, die eine Urkunde zur Errichtung des barocken Turmhelms sowie ein Wachstäfelchen mit dem eingeprägten Relief des Gotteslammes (Agnus Dei), Holzspäne des Kreuzes Christi, Steinchen der Heiligen Pforte in Rom, Dreikönigsmedaillons sowie einem Blatt mit Benediktionsformeln und Zeichen enthielt.

Die Deponierung derartiger Kapseln mit Devotionalien, Reliquien und Segens- und Beschwörungsformeln entweder im Knauf des Kirchenkreuzes oder im Dachstuhl des Kirchturmes im Zuge baulicher Maßnahmen war nicht nur im Barock ein weit verbreiteter Handwerksbrauch, wie zahlreiche Fundberichte aus Österreich, Deutschland und der Schweiz belegen. Auch wenn die einzelnen inhaltlichen Bestandteile dieser magischen Kapseln für sich betrachtet größtenteils nicht darauf hinweisen, so sind sie in dieser Kombination als Wettersegen und Wetterbann, also als Blitzableiter und allgemeine Gebäudeversicherung interpretiert. Zumindest dem Kirchturm der Steiner Minoritenkirche sind die Schluckbildchen wohl bekommen.

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